Donnerstag, 23. August 2012

Tourismus


Die Alpen sind sehr intensiv touristisch erschlossen. Bereits im 19. Jahrhundert prägten die Engländer den Begriff von den Alpen als „playground of Europe“. Die landschaftliche Vielfalt, kulturelle Sehenswürdigkeiten sowie die besonderen klimatischen Verhältnisse bieten beinahe optimale Voraussetzungen für die touristische Nutzung der Alpen, da eine denkbar große Anzahl an touristischen Zielgruppen (beispielsweise Erholungssuchende, Aktivurlauber, Kurtouristen, Kulturbegeisterte etc.) mit entsprechenden Angeboten bedient werden kann.
Im Sommertourismus finden sich die diversen Spielarten des aktiven und passiven Erholungstourismus (Wandern, Badeurlaub an den randalpinen Seen) und vor allem der sportliche Urlaub in Form des Alpinismus. Dieser initiierte die touristische Entwicklung des Alpenraums. Im Wintertourismus sind die Alpen ein weltweit attraktives Ziel für den Wintersport, wobei diesbezüglich der Skisport und seine diversen Ausformungen dominieren. In den letzten Jahrzehnten hat in vielen Teilen der Alpen der Tourismus im Winter dem klassischen Sommertourismus den Rang abgelaufen.

Tourismusgeschichte


Erste am Vergnügen beziehungsweise an Ruhm ausgerichtete Ereignisse finden in den Alpen schon Ende des 18. Jahrhunderts mit frühen Erstbesteigungen statt, die noch im Sinne eines den Landesherren verherrlichenden Absolutismus stehen. Für die einheimische bäuerische Bevölkerung endete das Interesse an den Bergen bis dahin bei den Vegetationsgrenzen.
Insbesondere englische Touristen haben danach im und vor allem gegen Ende des 19. Jahrhunderts den Alpentourismus alsIndividualtourismus entscheidend geprägt. Bereits im 19. Jahrhundert wurden vom Engländer Thomas Cook organisierte Massenreisen von England in die Alpen durchgeführt. Während der ersten Jahre betraf dies die Sommersaison, doch schon 1864 wurde im Kulm-Hotel im bündnerischen St. Moritz eine winterliche Öffnung gewagt und damit der Wintertourismus "erfunden".[21]
Die Belle Epoque erschließt die Alpen als Erholungsraum auch für die gehobenen Schichten des Landes, und etabliert den Begriff derSommerfrische in den Alpen. Seit der damaligen Blütezeit der Hotels und Villen in den Kurorten hat sich der alpine Tourismus auch auf den Winter auszubreiten begonnen. In den traditionellen Kurorten blieb jedoch die Sommersaison noch bis in die 1970er-Jahre die Hauptsaison.
Die Nachkriegsjahrzehnte machen die Alpen zum Ziel einer urbanen Gesellschaft, erst als Erholungsraum der Strapazen einer wirtschaftlichen Zerrüttung, dann als Freizeitkulisse, als Statussymbol gehobenen Lebensstandards. Seit ungefähr 1965 konnte sich auch aufgrund besserer Verkehrsinfrastruktur der Massentourismus entwickeln. DerWintersporttourismus mit seinen Bergbahnen und Liftanlagen bekam für die Alpenbewohner eine zunehmende Bedeutung bis hin zu reinen Retortenstädten in den Französischen Alpen.
Wanderurlaub wurde nach der Jahrtausendwende eindeutig wieder beliebter und gilt als Musterbeispiel für ökologisch verträglichen Tourismus (sanfter Tourismus); insbesondere, wenn er in abgelegene, von Abwanderung bedrohte Talregionen führt und dazu beiträgt, der einheimischen Bevölkerung eine Einkommensquelle zu sichern. Solchem Tourismus dienen verschiedene Weitwanderwege, zum Beispiel die Kulturwege Schweiz, oder gar Fernwanderwege wie der alle acht Alpenländer durchquerende Fernwanderweg Via Alpina. Der Weg wurde aus diesem Grund 2005 aus Anlass der Förderung von nachhaltiger Entwicklung als ein offizielles Umsetzungsprojekt der Alpenkonvention anerkannt. Der italienische Weg Grande Traversata delle Alpi beschränkt sich im Gegensatz zu seinem Titel auf die Region Piemont. In der "Modellregion Göschenen"[22] werden in der Schweiz Konzepte für schwach erschlossene Gebiete entwickelt.

Nutzen und Gefahren


Für viele Alpengemeinden ist der Tourismus die einzige Einnahmequelle geworden. Durch den Massentourismus werden Arbeitsplätze geschaffen und regionale Einkommen generiert, wodurch die Gefahr einer Abwanderung verringert werden kann. Allerdings ist der Tourismus in den Alpen oft nur punktuell auf bestimmte Dörfer, Städte und Skiressorts konzentriert. In den flächig größeren Gebieten ohne Massentourismus kommt es erst recht zur Abwanderung. Tatsächlich findet sich oft ein Nebeneinander von touristisch intensiv erschlossenen Gebieten und touristischem Niemandsland. Dies trifft vor allem auf das italienische Alpengebiet zu, und wird als Phänomen der Bergflucht zusammengefasst.
Die Menschen in den Alpen sind vom Massentourismus stark abhängig, es entstehen touristische Monostrukturen. Dem Massentourismus werden sämtliche Lebensbereiche unterworfen. Regionale Eigenheiten oder Besonderheiten verkommen unter Umständen zu einem bloßen Klischee. Zudem sind die Arbeitsbedingungen im Tourismus oft wenig attraktiv (ungeregelte Arbeitszeiten, geringe Löhne, viele Saisonarbeitsplätze). Menschen, die sich diesen Arbeitsbedingungen nicht unterwerfen wollen, sind mangels alternativer Beschäftigungsmöglichkeiten erst recht zum Abwandern (oder zum Auspendeln) gezwungen.
Umweltschützer ganz Europas und auch viele Einheimische bemängeln immer öfter die Schäden, die der Massentourismus in den Alpen hervorruft und weisen immer häufiger auf die Grenzen der touristischen Nutzung der Alpen hin. So werden immer mehr Verkehrswege durch die Alpen gebaut und Dorfstrukturen zugunsten der fortschreitenden Verstädterung zerstört (Beispiel: Garmisch-Partenkirchen). Hinzu kommt es auch zu ökologischen Problemen wie Müll- und Abwasserbelastung, Verkehrsproblematik und zu „optischer Umweltverschmutzung“ durch technische Infrastrukturen wie beispielsweise Seilbahnen. Der weitere Ausbau der touristischen Infrastrukturen stößt bereits in vielen Alpentälern an seine Grenzen, vor allem, da durch Naturgefahren (beispielsweise LawinenMuren) das Flächenangebot begrenzt ist. Einige tragische Unglücke wie beispielsweise im tirolerischen Galtür im Februar 1999 haben diese Problematik aufgezeigt. Um den Urlaubern entgegenzukommen, werden Hotels häufig unmittelbar vor die Skipisten gebaut. Löst sich an den Hängen einer Skipiste eine Lawine, trifft diese die Hotels besonders hart, da die Lawinen durch das Fehlen von Hindernissen ungebremst sind.